Herrensitzung
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Wein, Weib und Gesang - aber ohne Weiber...
Zwei mal 111 Narren außer Rand und Band bei der Herrensitzung im Weinmuseum
eki. Speyer. Zwei mal 111 närrisch gestimmte Herren - sie drängten sich am vergangenen Wochenende - am Freitag und am Samstag - wieder - zum 46. mal - in den Katakomben des Speyerer Weinmuseums, um einen Abend lang - unbeweibt und “ganz unter sich” - Fassenacht nach echt “Speyerer Art” zu feiern: Denn “Herrensitzung” war wieder einmal angesagt, als Sitzungspräsident Michael “mig” Grohmann Redner und Sänger in die Bütt’ rief, über der bedrohlich und für alle Fälle die Käseglocke in Form eines umgedrehten Weidenkorbes schwebte. Und tatsächlich - einmal drohte beinahe der Korb, drohte das Verdikt über einen Redner niederzusausen, der sich bei seiner karikaturesk überzeichneten Befassung mit dem Thema “Hartz 4" zu weit auf morastiges, “ausländisches Terrain” vorgewagt hatte. “Aufhören”, tönte es aus 111 Kehlen, “Korb - und Schwamm drüber”.
Ansonsten aber gab es wieder Vieles, was das Zwerchfell der anwesenden “Herrlichkeiten” bis zum Bersten strapazierte - und Rührendes auch, als das “Urgestein” der Speyerer Fassenacht und Mitbegründer der Herrensitzungen, Hans Gruber, ankündigte, dass diese Sitzung nun endgültig seine letzte sein würde. Noch einmal hintersinnig-humorige Sprüche, wie man sie von Hans Gruber seit sechseinhalb Jahrzehnten gewohnt ist, noch einmal ein neues Lied - und dann war eine einzigartige Fassenachter-Karriere zu Ende. Mit 92 Jahren wohlverdient - er wollte wohl als Karnevalist nicht in die erst durch den Tod geendete Nachfolge eines Joopie Heesters treten.
An diesem Abend waren viele bekannte Gesichter und fastnachtliche Figuren zu sehen, die sich unter dem Kommando des neuen Narrenschiff-Kapitäns Daoud Hattab höchst erfolgreich darum bemühten, die SKG wieder auf sicheren Kurs zu lenken. Dazu musste bei fast allen Sängern und Rednern Speyerer Prominenz als Reibungsfläche herhalten - kommunalpolitische Themen sich im Narrenspiegel reflektieren lassen. Da wurde die unglücklich ausgegangene Fahrradfahrt eines städtischen Beigeordneten ebenso zum “Dauerbrenner” wie die Abstinenz der SPD von der Öffentlichkeit - vor allem die ihres Fraktionsvorsitzenden Dr. Markus Wintterle bei so vielen offiziellen wie inoffiziellen Terminen in der Stadt - so auch bei dieser Herrensitzung...
Den Auftakt machte auch in diesem Jahr die Symbol-Figur der SKG, der Till, in Gestalt von Horst Kapp, der sich - teils gereimt, teils in Prosa - in geschliffenen Worten über die “großen” Themen ebenso hermachte wie über das Speyerer “Klein-Klein” . So nahm er die “Modekrankheit” unserer Zeit, den “Burn out”, auf die Schippe, indem er meinte, manche würden sich schon “ausgebrannt” fühlen, wenn sie “nur das Wort Arbeit hören”. Dem Speyerer Europaabgeordneten Jürgen Creutzmann gab er eine neue Definition für seinen offiziellen Titel MDE(P) mit auf den Weg: Mitleid, Demut und Erbarmen - Begriffe, die er offenbar Creutzmanns Partei, der FDP zuordnen wollte, über die später ein anderer Redner lästerte, sie habe in diesem Jahr auf einen Neujahrsempfang verzichten müssen, weil ein Raum, in dem alle Mitglieder der Partei Platz fänden, nicht zu bekommen war: Telefonhäuschen seien nämlich inzwischen gänzlich aus dem Stadtbild verschwunden.
Eine karnevalistische Meisterleistung in bester Tradition lieferte danach einmal mehr SKG-Ehrenpräsident Werner Hill ab: Über viele Jahre als römischer Centurio “Spirus serpentinus” eine feste Größe in der Speyerer Fassenacht erschien er den “Herrlichkeiten” in diesem Jahr als “Angelus aus de Himmelsgass” - als die Speyerer Antwort auf den berühmten Münchener “Erzengel Aloysius” und ließ kaum einen Kommunalpolitiker “ungerupft”. Seine Art Pointen zu setzen reißt das Publikum - wenn es den Gag erst einmal verstanden hat, was durchaus auch mal länger als drei Sekunden dauern kann - zu wahren Beifallsstürmen hin. Zuvorderst aber in diesem Jahr “klopfte er den Narren an die eigene Brust”, als er vor ihnen die Phantasie entwickelte, an einem 11.11. in nicht allzu ferner Zeit wieder einmal eine Karnevalsveranstaltung erleben zu dürfen, in der Fassenachter aus all den immer zahlreicher werdenden Vereinen in der Stadt wieder gemeinsam auftreten. Doch bis dahin, so fürchtete er, werde Speyer noch so manche “Wintterle-Pause” erleben. “Der Himmel erleuchte Euren Geist,” rief er, an das närrische Auditorium und an den SKG Präsidenten “Hattabus” gewandt, in den Saal, “er stärke Euren Unsinn und die Hoffnung, heute wieder nach Hause zu kommen”. Worte, wie sie auch der große Centurio Sprius Serpentinus nicht wahrer hätte sagen können...” denn Ende dieses Jahres geht die Welt unter - aber zuvor weihen wir noch die Postgalerie ein”.
Dann Hans-Günter Glaser - mit dem Stift genauso fix wie mit der Zunge. Auch er skizzierte - diesmal mit Worten - die Ereignisse des vergangenen Jahres: Von “der Synagoge über die Postgalerie bis zur IBF-Affäre” ließ er nichts aus, was den Speyerern in den letzten Monaten Gesprächsstoff geliefert hatte - nur zur SPD, da fiel auch ihm nichts ein: “Vunn denne hab’ ich nix geheert, was do die Bütt wär wert”, reimte er unter dem Gejohle der Zuhörerschaft.
Unter ihnen sah man, wie in jedem Jahr, wieder Prominenz in großer Zahl: Von Oberbürgermeister Hansjörg Eger über Weihbischof Otto Georgens, die Abgeordneten Jürgen Creutzmann MdEP, Norbert Schindler MdB und Dr. Axel Wilke MdL - sie alle klatschten sich die Hände wund und sangen sich die Kehlen heißer. Auf der “Rentnerbank”: Altoberbürgermeister Werner Schineller und der “doppelte” Ministerpräsident i.R. Prof. Dr. Bernhard Vogel (Wobei ihm das mit der “Ruhe” so recht niemand abnimmt, wenn man ihn landauf, landab in den Fernsehkanälen und auf den Rednerpulten der medialen Welt erlebt!) Sie zeigten sich - gemeinsam mit der gesamten närrischen Gemeinde - mit Beifall höchst freigiebig und ließen so manche Rakete steigen.
Davon profitierte auch in diesem Jahr wieder der Leierkastenmann Thomas Höchemer ebenso wie “Troubadour” Klaus Bohn, Hans Seel und das umwerfend komische Pärchen Hubertus Kranczoch und Thomas Armbrust, die “zwä Schlappgosche”. Und nicht zu vergessen mig Michael Grohmann, der in diesem Jahr auch als Sitzungspräsident eine “reife Leistung” hinlegte.
Der Chronist kam kaum mit, die zahllosen gelungenen Pointen und Gags aufzuschreiben - und auch noch selbst zu lachen und zu applaudieren - so rasch folgten sie - ein Schlag auf den anderen. Sollte er deshalb “im Eifer des närrischen Gefechts” einen Akteur in seinem Beitrag vergessen haben, so bittet er um Nachsicht - “... es is net bees gemäänt!”. Aber eine derart rasante Abfolge gelungener Vorträge hat er schon lange nicht mehr erlebt. Die SKG jedenfalls hat sich in der Präsidentschaft von Daoud Hattab wieder in alter Pracht und Herrlichkeit auf der närrischen Rostra zurückgemeldet. Apropos “Herrlichkeit”: Das gilt sicher nicht nur für die Herrensitzung, denn noch stehen die große Prunksitzung am kommenden Samstag und - ausschließlich für die “Damlichkeiten” (oder wie?) die beiden Damensitzungen bevor.(Übrigens noch eine vertrauliche Information - nur für Sie ganz allein: Zu diesen Sitzungen gibt’s noch ein paar wenige Restkarten! Also: Ganz schnell die SKG anrufen (06232 79000) - die Narrekapp uffgesetzt unn nix wie hie unn mitgelachd - Speyer feiert Fassenacht! Ma sieht sich, net wohr? Hajo!
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